Es ist Freitag um 9.00 Uhr; ich begrüße meine Studierenden des ersten Semesters zur Vorlesung. Seit acht Wochen gibt es Online-Lehre und Online Kommunikation – Coronabedingt. Sie haben sich noch nie live zusammen gesehen. Es ist Herbst 2020. Ungefähr 10 Personen haben ihre Kamera ausgeschaltet und etwa 20 Videos von meinen Studierenden tummeln sich auf meinem Laptop. Die Videos sind kaum größer als eine Briefmarke. Manche sitzen in einer WG, andere in kleinen Wohnungen, andere scheinen im elterlichen Haushalt zu sein.

Eines dieser Videos zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich sehe eine Studentin, die offensichtlich im elterlichen Haushalt in der Küche sitzt. Die Mutter putzt im Hintergrund die Küche, erst den Boden, dann wischt sie die Küchenplatte. Mutter und Tochter unterhalten sich. Während ich mich noch frage, worüber sie reden, wird ein Honigtoast gereicht. Genüsslich beißt die Studentin ab. Dann wird noch Kaffee vor der Kamera eingeschenkt. Ich schaue fasziniert zu. Sehe, dass sich die Studentin bemüht, der Präsentation zu folgen. Gesicht und Toast sind ganz nah vor der Kamera. Ich sehe sie kauen und mit ihrer Mutter sprechen.

Ich wundere mich nicht so sehr über die noch recht junge Studentin; ich wundere mich viel mehr über die Mutter. Mehrmals konnte ich seitdem schon beobachten, dass Mütter ihren Kindern in meiner Online-Vorlesung etwas zu essen oder einen Kostehappen reichten. Allein diese Szenen sind in einer Offline-Vorlesung nicht vorstellbar.

Online Kommunikation und Offline Kommunikation

Online und Offline sind verschiedene Welten. Das sieht man bereits am Nutzungsverhalten bzw. an der Aufmerksamkeitsspanne am Beispiel des Nachrichtenkonsums. Ein Abonnent der Süddeutschen Zeitung verbringt im Schnitt 38 Minuten täglich mit der Lektüre der sechs Ausgaben pro Woche. Der Online-Nachrichtenkonsum liegt durchschnittlich bei sechs bis sieben Minuten täglich (vgl. Andree & Thomsen, 2020).

Als Dozenten wünschen wir uns die geballte Aufmerksamkeit – Offline und Online. Online wissen wir zwar, wer eingeloggt ist, also wer theoretisch anwesend ist. Aber mehr auch nicht. Oft habe ich einzelne Studierende angesprochen und sie um eine Antwort gebeten. Jedesmal bin ich enttäuscht, wenn derjenige zwar digital anwesend, aber dennoch  abwesend ist und nicht antwortet. Das frustriert.

Ich erinnere mich an eine Situation, da habe ich meiner Meinung nach einen klaren Arbeitsauftrag gegeben und die Gruppe in Kleingruppen aufgeteilt. Ich wiederholte den Arbeitsauftrag, fragte mehrmals, ob es Fragen gibt und war dabei, die Studierenden in ihre entsprechenden virtuellen Kleingruppen zu schicken. In diesem Moment fragte eine Studentin „Was sollen wir jetzt machen?“. Ich merkte, wie ich ärgerlich wurde. Schließlich fragte ich sie, wie es kommt, dass sie nicht verstanden hat, was ich zwei oder dreimal wiederholt habe. Da sagte sie kleinlaut „Entschuldigen Sie bitte, ich war auf der Toilette.“

So etwas ist Offline nicht möglich. Wir sehen, wer den Raum verlässt, wer unkonzentriert ist, wer quatscht usw. Durch visuelle und akustische Feedbackschleifen passen wir unsere Lehre den Studierenden und Umständen an. Online Kommunikation ist deswegen oft skurril, weil wir einerseits nicht wissen, wer uns beobachtet. Andererseits wissen wir auch nicht, wer uns zuhört. Das, was wir sehen und hören ist nur ein kleiner Ausschnitt unserer digitalen Welt. Die Welt unserer Studierenden sieht oft ganz anders aus und setzt sich aus analogen und virtuellen Elementen zusammen. Wir bekommen wenig hör- und sichtbares Feedback. Das hat enorme didaktische Konsequenzen. Wir können dem Arbeitsprozess der Studierenden nicht folgen und damit auch nicht helfen, sie zu höheren Lernergebnissen zu führen. Vielleicht arbeiten sie, vielleicht sind sie aber auch in den sozialen Medien unterwegs, chatten, spielen oder unterhalten sich mit WG-Mitbewohnern. Wie kann Lehre funktionieren, wenn wir gar nicht wissen, zu wem wir gerade sprechen? Und zu wieviel Prozent der Zuhörer gerade konzentriert ist?

Aus Gesprächen mit meinen Studierenden weiß ich, dass sie laut Selbstaussage manchmal nur zu 30 Prozent konzentriert sind. Sie haben mir berichtet, dass sie in manchen Seminaren (wenn die Kamera ausgeschaltet ist) kochen, putzen, Wäsche waschen, Gassi gehen. Wenn sie die Vorlesung als prüfungsrelevant empfinden, sind sie im Höchstfall zu 70 Prozent konzentriert. Die volle hundertprozentige Aufmerksamkeit ist sehr selten. Der Offline-Kontext, in dem sie sich parallel immer befinden, ist viel ablenkender (oder interessanter) als die Vorlesung, besonders wenn Freunde oder Familienangehörige im analogen Raum sind.

Vier Welten in der Online Kommunikation

Online Kommunikation besteht aus mindestens vier Welten:

  • Meine analoge Welt: Ich im analogen Homeoffice
  • Meine digitale Welt: Alles auf meinem Monitor: Focus Online-Lehre
  • Deine analoge Welt: Mein Gesprächspartner im Homeoffice
  • Deine digitale Welt: Alles auf dem Monitor meines Gesprächspartners: Im Internet surfen, Gaming, Chatten, E-Mail schreiben, googlen und Vorlesung etc.

Jede dieser vier Welten hat Potenzial zum Ablenken und für Missverständnisse. Dozierende agieren in ihrer Online Kommunikation am meisten aus ihrer digitalen Welt heraus mit dem Focus auf den Lehrstoff. Zugegebenermaßen lasse ich mich auch hin und wieder von meiner übrigen digitalen Welt ablenken und schaue nach, welche E-Mail ich bekommen habe.

Wir leben mehr denn je in einem Hybrid aus analog und digital. Wir arbeiten von zu Hause; haben unsere Familie quasi im Büro und unsere Kollegen im Wohnzimmer. Auch unser Äußeres wird hybrid: Bis zum Bauchnabel sitzt die Kleidung akkurat; von dort abwärts, was nicht mehr im Kamerabild sichtbar ist, gibt es Jogginghose, Flecken.

Dennoch möchten Dozierende ihre digitale Welt (Focus Lehrstoff) mit ihren Studierenden teilen. So sind wir es offline gewohnt: Wir schreiben etwas an die Tafel, zeigen PowerPoint-Folien, präsentieren. Wir bewegen uns in demselben analogen Raum und können die Perspektive unseres Publikums einnehmen: Ich kann sehen, was mein Publikum sieht. Online teilen wir nie die gleiche Perspektive. Studierende sehen mit ihrem Smartphone, Tablett, PC oder Mac immer einen anderen Ausschnitt meiner digitalen Welt, als ich sie sehe. Dabei werden sie permanent mit Angeboten aus der analogen und digitalen Welt verführt, was meine Vorlesung boykottiert. Das kann ein Chat sein, Social-Media, die Mutter. In welcher dieser Welten sie sind, wissen wir nicht.

Wir kommunizieren permanent aus unterschiedlichen Welten heraus. Und dabei ist unklar, ob bzw. wo der andere noch präsent ist. Frustration entsteht, wenn Dozenten denken, dass die Studierenden sich in dergleichen digitalen Welt der Online-Lehre befinden und dann bemerken, dass die Zuhörer längst analog oder digital abgetaucht sind. Die Online-Vorlesung konkurriert mit den vier Welten.

Aber hier liegt auch das Potenzial in der Online Kommunikation, wenn wir für alle Welten offen sind. In einer meiner letzten Vorlesungen vor Weihnachten bat ich meine Seminargruppe um ein Statement zu einer Frage. Eine Studentin antwortete: „Also meine Mutter hört die ganze Zeit zu und meint Folgendes …“. Ich war wirklich sehr überrascht und sagte „Ach was, Ihre Mutter ist die ganze Zeit dabei? Und ist Expertin? Hat sie vielleicht Lust, vor die Kamera zu kommen und Ihre Perspektive darzustellen?“ Dann erschien Frau G. vor der Kamera und bereicherte mit ihrem persönlichen Statement das Seminar. Die Studierenden waren begeistert.

Über weitere Kompetenzen, die jeder Redner braucht: https://rhetorik-berlin.de/4-kompetenzen-die-jeder-redner-braucht/